KUNSTBETRIEB

Die Macht der Geschmacksverstärker

Für viele junge Menschen ist Kurator der neue Traumberuf. Die Folgen für die Kunstwelt sind gravierend.

 

Hans-Ulrich Obrist ist einer der mächtigsten Menschen des internationalen Kunstbetriebs. So sagt es die zwar umstrittene, aber vielzitierte Power 100 List des britischen Kunstmagazins Art Review. Auf der jüngsten Liste steht Obrist auf Platz zwei, im Jahr 2009 war er sogar auf Platz eins. Dass Obrist so weit oben landen konnte, ist ein Phänomen. Denn der Schweizer ist kein Künstler, kein Museumsdirektor, kein Galerist oder Sammler. Er ist Kurator. Hauptberuflich organisiert er Ausstellungen in der recht kleinen Serpentine Gallery in London, einer Institution ohne eigene Sammlung. Doch die meiste Zeit scheint er darauf zu verwenden, durch die Welt zu reisen und Kontakte zwischen Menschen herzustellen.

 

Der Kurator ist heute das, was vor langer Zeit einmal der Regisseur, der Poet oder der bildende Künstler selbst war: der Traumberuf der jugendlichen Avantgarde. Junge Menschen in großen Städten, die irgendwas mit Kultur machen und ganz vorne dabei sein wollen, stellen jetzt plötzlich Kunst aus oder studieren zumindest schon mal das Ausstellen. In Berlin, Frankfurt, Zürich, London, New York – in allen großen Metropolen der Kunstwelt wurden in den vergangenen Jahren Studiengänge für Kuratoren gegründet, die Nachfrage ist groß.

Es gibt inzwischen unzählige Preise und Stipendien für Kuratoren, auch das Goethe-Institut hat kürzlich ein Residency-Programm für Jungkuratoren in New York initiiert: Mit der Unterstützung eines großen Autokonzerns darf der Auserwählte ein Jahr lang den Goethe-Ausstellungsraum Ludlow Space in Manhattans Lower East Side bespielen. Erster Stipendiat ist Tobi Maier, der zuvor für den Frankfurter Kunstverein arbeitete.

Täglich gibt es neue Meldungen, die von der Karriere des Kuratorenberufs künden: In Berlin wird im Juni die als Leistungsschau angekündigte, von Klaus Wowereit initiierte Ausstellung Based in Berlin eröffnen. Kuratiert – ein Verb, das die meisten Rechtschreibprogramme noch rot unterkringeln – wird die Schau gleich von fünf Jungkuratoren, die wiederum von drei Superkuratoren beraten werden: dem allgegenwärtigen Hans-Ulrich Obrist aus London, dem PS1-Direktor und MoMA-Curator at large Klaus Biesenbach aus New York und Christine Macel vom Centre Georges Pompidou in Paris. Wozu braucht es so viele Kuratoren? Was macht diesen Beruf so anziehend? Was macht ein Kurator überhaupt?

 

Heute wird alles kuratiert, selbst Magazine oder Modeschauen

Aus der unendlichen Masse von Kunstwerken und Künstlern wählt der Kurator die Perlen aus und präsentiert sie uns in Ausstellungen. Der Kurator hat die Macht der Entscheidung, er hat die gleiche Funktion wie ein DJ, er sorgt für die richtige Mischung und entdeckt für uns die neuen heißen Trends. Er führt auch das Leben eines international erfolgreichen DJs (der Traumberuf der Hipster in den neunziger Jahren). Als müsste er die Theorien von den globalen Nomaden verifizieren, reist der Kurator ohne Unterlass um die Welt. Nicht umsonst heißt die monatliche Vielflieger-Kolumne von Klaus Biesenbach im Monopol -Kunstmagazin Erdkunde, es geht von einer Party beim Schauspieler James Franco in Hollywood zum Global Art Forum nach Doha, von Kiew nach Mexiko-Stadt. Kolumnen wie diese befeuern die Träume Tausender junger Menschen. Sie nennen sich Kuratoren, geben in ihren Lebensläufen mindestens zwei Wohnorte an – »lives and works in Stockholm and Berlin« –, sind des Englischen mächtig und haben wenigstens zwei Theoretiker oder Dichter gelesen, aus deren Schriften sie einzelne Sätze zitieren können. Nicht nur bei amerikanischen Kuratoren sind schon seit einer Weile W.G. Sebald und Michel de Certeau äußerst beliebt.

 

Gut 150 verschiedene Kunstbiennalen soll es inzwischen geben, aber weil es dennoch weitaus mehr Kuratoren als Ausstellungen gibt, wird heute alles mögliche kuratiert, von Magazinen über Filmabende, von Modenschauen bis zu Blogs, selbst Podiumsdiskussionen. Hans-Ulrich Obrist etwa ist besonders für das Kuratieren von Gesprächen berühmt, die er überall auf der Welt mit mehr oder minder bedeutenden Figuren nicht nur des Kunstbetriebs führt. In Düsseldorf sitzt er mit dem Künstler Hans-Peter Feldmann auf dem Podium, in New York im Rahmen eines Rolex Arts Weekend mit John Baldessari, und auf einer Kunstmesse in einem Luxushotel in Dubai spricht er mit seinem Kollegen Daniel Birnbaum über sein Buch A Brief History of Curating. Das Buch wiederum besteht aus einem knappen Dutzend Interviews, die Obrist mit bekannten Ausstellungsmachern wie Harald Szeemann, Werner Hofmann oder Pontus Hultén geführt hat. Wollte man das soziale Netzwerk des Kunstbetriebs auf ein Blatt Papier aufzeichnen, dann wäre Hans-Ulrich Obrist der wahrscheinlich dickste Knotenpunkt in diesem Netzwerk. Und Obrist spinnt immer weiter an dem Netz, reist unermüdlich um die Welt, schreibt pausenlos E-Mails und SMS und telefoniert sich mit Skype durch die Zeitzonen.

 

In dem Beruf des Kurators kulminieren also gleich mehrere Tendenzen des globalisierten Lebens und Arbeitens: Ein freier Kurator führt das durchflexibilisierte Leben eines globalen Nomaden; er ist ein großer sozialer Netzwerker; und er übernimmt die Funktion eines Siebs, mit dem man aus der Flut des Angebots das vermeintlich Wichtige herausfiltern kann. Die Karriere des Kuratorenberufs ist, das sagt auch Hans-Ulrich Obrist, ohne die Verbreitung des Internets und die damit wachsende Flut an Informationen nicht zu verstehen. Das Überangebot mache eine Selektion nötig, lasse die Bedeutung der Führer durch das immer größer werdende Dickicht steigen.

 

In dem Beruf des Kurators kulminieren also gleich mehrere Tendenzen des globalisierten Lebens und Arbeitens: Ein freier Kurator führt das durchflexibilisierte Leben eines globalen Nomaden; er ist ein großer sozialer Netzwerker; und er übernimmt die Funktion eines Siebs, mit dem man aus der Flut des Angebots das vermeintlich Wichtige herausfiltern kann. Die Karriere des Kuratorenberufs ist, das sagt auch Hans-Ulrich Obrist, ohne die Verbreitung des Internets und die damit wachsende Flut an Informationen nicht zu verstehen. Das Überangebot mache eine Selektion nötig, lasse die Bedeutung der Führer durch das immer größer werdende Dickicht steigen.

Und so speist sich die große Macht des Kurators aus seiner Funktion als Geschmacksverstärker. Ein bedeutender Kurator kann aus ein bisschen Leinwand Gold machen: Promoviert er einen unbekannten Künstler, dann vervielfacht sich nicht nur dessen sozialer, sondern auch der ökonomische Wert auf geradezu märchenhafte Weise. Anders als im Markt der Musik, des Filmes oder des Buches entscheidet letztlich nicht eine große Menge von Käufern über Erfolg und Scheitern, sondern eine relativ kleine Gruppe. Sie bestimmt, wie viel ein Kunstwerk von Jeff Koons oder Anselm Reyle wert ist. Und so werden die erfolgreichen Kuratoren hofiert, von den Sammlern, von den Galeristen, von den Künstlern.


Viele Künstler werden abhängig, sie beugen sich den Kuratorenregeln

Die Macht der Geschmacksverstärker zeigt sich auch in der großen Spannung, mit der Sammler, Händler und Kritiker die Listen der teilnehmenden Künstler für die großen Biennalen erwarten – die Biennalen und die Documenta, das sind die Loveparades der Kuratoren.

 

Selbstverständlich unterscheiden sich die Kuratoren, es gibt verschiedene Typen und Mischformen. Viele von ihnen sind Autodidakten – der klassische Kustos, der wissenschaftlich arbeitende Mitarbeiter eines Museums, macht nur einen geringen Prozentsatz aus. Verbreiteter ist der Tausendsassa, der möglichst viel kennenlernen und zeigen will, der selten aneckt und ein guter Netzwerker ist. Daneben gibt es auch den Politisch-Kritischen, der mit einem gewissen Pathos die Sache der Peripherie, der Randständigen vertritt, und den Inneneinrichter, der dem Reichen die passende Sammlung für die Wohnung in Chelsea zusammenstellt. Der historisch arbeitende Kurator wiederum gräbt die Vergessenen aus und will die Migration der Formen durch die Geschichte nachzeichnen. Und es gibt den Künstler-Kurator, also den Künstler, der seine Kollegen ausstellt. Doch nicht nur er, auch eine große Zahl der übrigen Kuratoren versteht sich mehr oder minder als Künstler. Schließlich wurde mit dem erweiterten Kunstbegriff zugleich die Ausstellung zum Medium, der Kurator also zum Mitautor eines Gesamtkunstwerks. Der Kurator ist, so das Selbstverständnis, Teil des Produktionsprozesses. Und so ist er – erst recht in einer Kunst, die sich um das sogenannte Prozessuale dreht – nicht nur Geschmacksverstärker, sondern heimlich auch Schöpfer.

 

Ob er will oder nicht, prägt und bestimmt er auch das, was als Kunst gehandelt und wertgeschätzt wird. Er wolle, sagt Obrist, den Künstlern keinesfalls Ideen aufzwängen, mit denen sie nichts anfangen könnten. Und doch hat man den Eindruck, als könne ein Künstler heute nur dann erfolgreich werden, wenn er sich den Regeln und Geschmäckern der Kuratoren anpasst, wenn er sich in ihren Netzwerken tummelt. Der Künstler muss sich entscheiden, ob er dem Kurator A den bombastischen Auftritt fürs nächste Jahr liefern oder aber sich in die Arkanwissenschaft des Kuratoren B hineinfuchsen will. Am Ende ist der Kurator immer mit im Bild – auch wenn man ihn auf den ersten Blick nicht sehen mag.

 

© Tobias Timm l Quelle: DIE ZEIT, 5.5.2011 Nr. 19




 

KEINE WERBUNG OHNE BILDER

Interview zum Tätigkeitsfeld einer Art Buyerin

 

F: "Wie sähe eine Werbung ohne Bild aus?"

A. "Leer, wie ein weißes Blatt Papier. Die Werbung wäre inexistent."

 

F: "Heißt das, dass man nur etwas bewerben kann, wenn man auch das passende Bildmaterial hat?" 

A:  "Ja. Es braucht immer ein Bild. Dabei ist es erstmal unerheblich, ob das Bild aus einem Text, einer Illustration oder einem Foto besteht". 

 

F: "Sie sind Art Buyer. Was kann man sich eigentlich darunter vorstellen?" 

A: " Art Buying kann man nicht wirklich wörtlich übersetzten. Ebenso wenig lässt sich mein Tätigkeitsbereich in einem Wort erklären. Ich hole mal ein bisschen aus: 

Werbung kommt nicht ohne ein Bild beziehungsweise ohne visuellen Inhalt aus. Aber dieser muss vorher erstmal angefertigt oder, wenn er vorgefertigt sein soll, gefunden und eingekauft werden. Hierfür benötigt man einen Spezialisten, einen Art Buyer. Als Art Buyer weiß man wo man  passendes Bildmaterial finden und zu welchen Konditionen man es ankaufen kann. Man weiß, wenn das Motiv produziert werden soll, welcher Fotograf das Motiv shooten, welche Postproduktion das Motiv am feinfühligsten retuschieren oder welcher Illustrator, Designer oder 3D-Artist eine Idee am passendsten illustrieren könnte. Und nicht zuletzt weiß ein Art Buyer, in welchem Zeitraum und zu welchen Kosten das alles vonstatten geht. Für all das braucht man: ein sehr, sehr dickes Adressbuch, in dem man sich gut auskennt, viel künstlerisches und menschliches Gespür und vorallem eine sehr gute Branchenkenntnis. Kurz zusammengefasst: 

Der Art Buyer kümmert sich um den kompletten visuellen Content. 

Das ist die Basis unserer Tätigkeit." 

 

F: "Das ist eine Menge, was machen Sie sonst so?" 

A: ":). Ansonsten fächert sich mein Aufgabenbereich in diverse Tätigkeitsfelder auf, die ich am besten anhand einer Projektphase erläutere: 

 

 

CREATIVE INPUT/OUTPUT 

 

Als Art Buyer reicht es nicht, dass man einen Künstler kennt der eine Idee umsetzen KÖNNTE, man muss schon den Richtigen kennen, denjenigen, der den passenden Look hat. Künstler arbeiten technisch und thematisch ganz unterschiedlich – und auch, wenn man jemanden gefunden hat, der technisch (zum Beispiel Fotografie) und thematisch (zum Beispiel People) passt, heisst es noch nicht, dass diese Person auch den gesuchten Look umsetzen kann. Denn ein Bild kann inszeniert wirken oder eher natürlich, poppig oder entsättigt, skurril oder dokumentarisch. Technik, Thema und Look müssen also bei der Auswahl des Künstlers perfekt stimmen.

Wenn ich für einen Kunden oder eine Marke einen passenden Künstler vorschlagen soll, bekomme ich daher von der Kreation ein sehr genaues, spezifisches Briefing. Diese eine gesuchte Nadel im Heuhaufen muss man dann finden, um sie anbieten zu können. Bestenfalls versorgt man die Kreation gleich mit ungefähr 10 Links zu Websites von Künstlern, die auf das Briefing passen könnten. Da kommt dann wieder das dicke Adressbuch ins Spiel.

Der Kontakt zu den Künstlern ist dabei natürlich sehr wichtig. Deshalb kommen jeden Tag ein bis zwei Fotografen oder Fotografenagenten (die gleich mehrere Fotografen vertreten) und zeigen ihre Portfolios. Diese sichten wir und merken uns sowohl den Namen als auch die Stilistik der gezeigten Portfolios. Denn irgendwann kommt der Tag, an dem genau das gefragt ist.

Als alleinige Quelle reicht die Mappensichtung allerdings nicht aus. Als Art Buyer sollte man viele Ausstellungen besuchen und sich dafür interessieren was der Markt allgemein an Künstlern, national wie international, hergibt. Auch Kreativmagazine aus aller Welt können eine sehr gute Inspirationsquelle sein. Obligatorisch sind zudem Messe- und Festivalbesuche (Le Book/Connections, Update, Transmediale, Berlinale....) Auf jeden Fall sollte man immer und überall genau hingucken – und das Gesehene auch im Kopf behalten. Oftmals, gerade wenn es um Neukunden geht, suchen wir nach ganz bestimmten Look. Da kann es vorkommen, dass man ganz konkrete Bilder finden muss, so konkret wie zum Beispiel ein Braunbär im Stil der 50er Jahre, der gerade ein Lied trällert. Diese spezifischen Anfragen sind ziemlich häufig und man ist selbst erstaunt, dass einem meist sofort ein Künstler einfällt, der genau dieses gesuchte Bild schon einmal fotografiert hat. 

Zeitgeist erspüren, Trends erkennen, Bildsprachen übersetzen – das sollte jeder Art Buyer gut können. Und außerdem wissen, was ein Künstler so kostet. 

Ein Art Buyer deckt, je nach Agentur, das ganze Leistungsangebot von Creative Services ab.

 

WIRTSCHAFT 

 

Es nützt nichts den passenden Künstler für ein Projekt zu finden, wenn der Künstler zu teuer ist – es gilt immer auch, das Budget im Auge zu behalten. Die Auswahl des richtigen Künstlers oder des richtigen Bildes ist immer ein Balanceakt zwischen künstlerischer Freiheit und Kosten. Sowohl die Beratung (im Sinne des Kundenbudgets) als auch die Kreation (im Sinne einer sehr guten Idee und der bestmöglichen Umsetzung) wünschen sich den richtigen Künstler. Die Kunstfertigkeit des Art Buyers besteht darin, diese beiden manchmal stark auseinandergehenden Wünsche auf einen bestmöglichen Nenner zu bringen. 

Wenn man das geschafft hat und unter diesen Aspekten zehn passende Künstler vorgeschlagen hat, muss im nächsten Schritt die Kreation daraus eine Auswahl von drei Favoriten erstellen. Sobald diese festgelegt sind, gehen die Briefings der Kreation als Projektbeschreibung an die Künstler. Später führt man mit den Kreativen und Künstlern ein gemeinsames Gespräch zur optimalen Umsetzung. Wenn die Aufgabenstellung endgültig klar ist, reicht der Künstler beim Art Buyer ein Kostenangebot ein. Dies wird dann nach folgenden Kriterien geprüft: Sind auch wirklich alle Positionen erfasst worden? Ist das Kostenangebot mit zu niedrig angegebenen Kosten beschönigt worden (es darf nicht vorkommen dass am Ende ein Shopping teurer wird) oder ist es gar zu hoch? Sind die Kosten realistisch? 

In der Zwischenzeit hat sich auch die Kreation entschieden mit wem am liebsten produziert oder geshootet werden würde. Wenn der erste Favorit bestimmt ist, geht es an die Kostenverhandlung. Der Kostenvoranschlag muss genau unter die Lupe genommen und entsprechend korrigiert oder nachverhandelt werden. Oftmals muss man auch alle drei Kostenvoranschläge einreichen, dann muss man die Kosten gegenüberstellen. Am Ende muss der Art Buyer die Kosten an den Kunden kommunizieren und diese über die Beratung vom Kunden freigeben lassen. Erst wenn das geschehen ist, kann der Auftrag an den Künstler endgültig erfolgen.  

 

RECHT 

 

Bevor es nun an die tatsächliche Produktion geht, müssen natürlich alle Rechte an dem zu shootenden, illustrierten oder eingekauften Bild geklärt werden. Das Thema Recht lässt sich nicht exakt auf einen bestimmten Punkt in der Zeitleiste der Projektphase festlegen, denn Rechtsfragen und dementsprechend Rechtsberatungen von einem Art Buyer an einen Kreativen oder Account Manager können zu jedem Moment einer Projektphase auftauchen. Das kann also schon in der Ideenphase sein oder auch erst später, wenn die Idee schon fixiert ist. 

Jede Idee muss also erstmal überprüft werden. Nicht nur auf Machbarkeit bezüglich kreativer und budgetärer Umsetzung sondern auch hinsichtlich der Verwendung inkludierter Rechtsinhalte. 

Und hier geht es nicht nur um das Urheber- und Nutzungsrecht – sobald Personen auf einem Bild zu sehen sind greift das Persönlichkeitsrecht, sobald Marken auf einem Bild zu sehen sind das Marken-, wenn Design zu sehen ist das Geschmacks- oder wenn Gebäude zu sehen sind das Gebäuderecht. Speziell im letzteren Fall entstehen aber auch wieder Freiheiten und Einschränkungen durch das Panoramarecht. 

Das heißt konkret: Wenn Personen für werbliche Zwecke fotografiert werden, benötigt man ein unterzeichnetes Modelrelease, wenn man Gebäude fotografieren möchte, müssen sie unter die Panoramafreiheit fallen, oder man benötigt ein unterzeichnetes Property Release. Recht kann sehr verzwickt sein, zum Beispiel bei Sondergenehmigungen wie dem Recht auf Werbung im natürlichen Umfeld (wenn ein weiteres Markenrecht zur Werbung der werbenden Marke benutzt wird, Bridgestone zum Beispiel Reifen bewerben möchte, das Bild aber einen Porsche zeigt), bei speziell geschützen Kunstwerken wie dem Eiffelturm bei Nacht (die Lichtinstallation ist rechtlich geschützt) oder auch bei Gemälden (Urheberrecht). Bei Nichtbeachtung all dieser Rechte kann es schnell teuer werden – wie teuer oder gefährlich und inwieweit man sich absichern kann, dazu kann ich als Art Buyer jederzeit beraten, bestenfalls schon während der Ideenfindung, spätestens jedoch vor der konkreten Umsetzung einer Idee. 

 

Alle diese Phasen sind sehr stark geprägt von Meetings und Beratungen seitens des Art Buyings an die Kreation und die Account Manager. 

 

Zusammenfassung der häufigsten Rechteklärungen:

• Nutzungsrecht (Werbemittel, Laufzeit, Räumliche Verbreitung)
• Urheberrecht
• Persönlichkeitsrecht
• Gebäuderecht l Panoramarecht

• Geschmacksmusterrecht
• Markenrecht

 

PRODUKTION/ORGANISATION 

 

Wenn die Kosten verhandelt, die Umsetzung des Projektes bis ins Detail steht und auch alle notwendigen Rechtsfragen geklärt sind, fängt man an zu produzieren. Eine künstlerische Produktion ist geprägt von dem ausgesuchten Hauptkünstler und einem Stab an Menschen, die im Hintergrund agieren. 

Bei einem Shooting können das neben dem Fotografen folgende Spezialisten sein:  

 

• Fotorepräsentant bzw. Agent (erledigt z.B. die bürokratische Arbeit des Fotografen) 
• Fotoassistent (kümmert sich um Digitalequipment und Licht) 
• Produktionen (kümmert sich um die Teamorganisation) 
• Stylist (kümmert sich um das Styling und besorgt die Kleidung) 
• Visagist (kümmert sich um das Make-up) 
• Casting-Agent (schlägt Modelle vor) 
• Modelle 
• Locationscout 
• Studiomanager 
• Set-Ausstatter 
• Modellbauer 
• Mitarbeiter der Postproduktion (retuschieren das Bild am Ende und legen den Look auf das Bild) 

 

Manchmal kommen auch noch Fachspezialisten dazu: 

 

• Tiertrainer 
• Kinderbetreuer 
• Spezialtechniker 
• Foodstylist 

 

All diese Menschen arbeiten an der konkreten Umsetzung einer Idee, die von der Agentur eingebrieft wurde. Als Art Buyer bin ich das Bindeglied zwischen dem Produktionsteam und der Agentur. Die Phase ist sehr organisationsintensiv und daher auch stark kommunikationslastig. Bei einem Art Buyer laufen alle die Organisation betreffenden Kommunikationen zusammen und müssen gegebenenfalls immer wieder analysiert, strukturiert, zusammengefasst und spezifisch im Team umverteilt werden. 

 

BERATUNG 

 

Bei allen erwähnten Tätigkeitsfeldern bedarf es eines mannigfaltigen und reichhaltigen Know-hows. In der Regel muss man als Art Buyer sehr schnell agieren – daher sollte man einen sehr großen Wissensspeicher besitzen, auf den man aus dem Stegreif zugreifen kann. Es ist wichtig, dass man während des Projektes alle Agenturbeteiligten aus Kreation und Beratung immer wieder hinsichtlich Machbarkeiten, Möglichkeiten, Einschränkungen berät und bestmöglich unterstützt. 

Ein Art Buyer sollte ein Schnelldenker sein, Stressresistenz besitzen, multitaskingfähig sein und mit großer Verantwortung umgehen können. 

Er sollte pragmatisch und lösungsorientiert handeln. Für Eitelkeiten ist hier kein Platz. 

Der Job des Art Buyers ist weniger glamourös als man sich das vielleicht vorstellt. Insgesamt ist er eher sehr dicht an Tätigkeiten, hochfrequentiert und mit ständigem Problemlösungsuchen behaftet. Ein Art Buyer sollte daher eine große Leidenschaft für diesen Job mitbringen.  

 

ANALYSE 

 

Am Ende schließt sich der Kreis indem sich alle aufgeführten Tätigkeitsbereiche wiederholen. So müssen Releases abgelegt (Recht), Rechnungen, die für ein Autoshooting einen kompletten Leitzordner umfassen können, kontrolliert (Wirtschaft), unbenutzte Requisiten zurückgesendet (Organisation) und Feedback zum Shooting (Kreativ input/output) eingeholt werden. 

Wenn all das geschehen ist, wird der Job sauber digital und analog abgelegt. 

Den Abschluss des Projektes bildet die Analyse von Erwartung und Erfüllung, Kosten, Look und auch den entsprechenden Verhandlungsergebnissen, die außerdem für den Nachkauf von Nutzungsrechten relevant werden können. 

 

Last but not least: 

Im Grunde genommen war das eigentlich das, was ein Art Buyer so macht. Und, wie gesagt, so eine exemplarische Projektbeschreibung gilt für jegliche Künstler (Fotografen, Designer, Filmer) aber auch für Illustration, 3D, und online. In einer Agentur hat ein Art Buyer etwa fünf bis 15 dieser Projekte parallel laufen, die sich den ganzen Tag über verschachteln. Ich berate bei DDB Tribal derzeit ca. 80 Kreative und ebenso viele Berater. 

Daneben gebe ich noch Schulungen für Newcomer, halte Präsentationen, schreibe und lese bis zu 300 Mails am Tag und protokolliere meine Tätigkeiten für die Zeiterfassung." 

 

 

F: "Respekt. Jetzt verstehe ich warum Ihre Tätigkeit nicht in einer Bezeichnung zu erfassen ist." 

A: "Das ist schön. Die meisten können sich unter dem Beruf nicht viel vorstellen, wenn man es aber mal ausführlich erzählt was man macht, finden es viele interessant. Ich bin froh Art Buyer zu sein. Es gibt in Deutschland nur ca. 200 von uns. Echte Spezialisten :)" 

F: "Das stimmt. Wie wird man denn Art Buyer?" 

A: "Es ist ganz unterschiedlich, man sollte schon eine gewisse Portion Erfahrung in den Aufgabenbereich des Art Buyers einbringen können. So kann es sein, dass ein Art Buyer selbst vorher Fotograf oder Redakteur, Berater oder Kreativer war, oder auch Jura studiert hat. Je mehr man weiß, desto mehr ist man im Vorteil. Ich habe so ziemlich alles von dem, was ich in meiner Tätigkeit als Art Buyer brauche, vorher gemacht. Davon profitiere ich heute sehr." 

 

 

KEINE WERBUNG OHNE BILDER

Interview zum Tätigkeitsfeld einer Fotoredakteurin


 

F: "Sie arbeiten auch als Fotoredakteurin?"

A: "Ja, sogar sehr gerne. Die Arbeit für ein Magazin kann sehr kreativ sein, es geht um deutlich weniger Geld als in der Werbung, dafür gewinnt man an Freiheit ."

 

F: "Wie sieht ihr Job als Fotoredakteurin aus?"

A: "Nun ja, es hängt davon ab ob ich eher in der Recherche oder in der Produktion tätig bin. Insgesamt ähnelt der Beruf des Fotoredakteurs sehr dem Beruf des Art Buyers, nur einfacher und etwas weniger komplex. Die Arbeit kann sehr idealistisch, mit weniger finanziellen Mitteln aber hoher kreativer Freiheit (Unabhängigkeit vom Kunden) umgesetzt werden. Das Team um einen herum ist deutlich kleiner, es ist intimer, und es gibt deutlich weniger Kommunikationsoverload.

In der Recherche geht es mehr in die Tiefe, es kann aber auch investigativ werden.

Das heißt, wenn man unbedingt Bildmaterial, beispielsweise von Josef Ackermann, braucht, kann es schon sein, dass man heraufinden muss, wer mit ihm in seiner Kindheit befreundet war, wo der alte Schulfreund wohnt, wann er mit Josef Ackermann mal beim Skifahren war, um dann letzlich, nach Bildmaterial anzufragen."

 

Interview

© Charlotte Reuscher